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15. bis 17. Januar 2021: Kolumbien nach Mexiko

Die letzten Tage in Kolumbien nutze ich zum Auskurieren, während Eugen arbeitet oder mit mir chillt. Die größten Ereignisse sind Ausflüge zum Essen gehen, wobei es bei mir hauptsächlich Zwieback gibt.
Merke: Das bei Tripadvisor bestbewertete Restaurant Bogotas heißt Machu Picchu, sieht völlig unscheinbar bis shabby aus, macht aber sehr leckeres peruanisches Essen. Der Kellner kommt nicht darüber hinweg, dass ich nur als Eugens Gesellschaft da bin und selber wegen meiner Magenprobleme nichts essen kann, und bringt mir trotzdem kostenlose Drinks, gebackenen Tintenfisch mit Soße, Bananenchips etc.

Samstag stehen wir um 4 auf und fahren zum Flughafen, damit Wingo Airlines uns nach Mexiko bringt. Das ist zwar die absolute Billigfluglinie, aber es klappt alles wunderbar und wir steigen um 10 Uhr morgens in Cancun aus dem Flieger.
Nach etwas Ärger mit der Autovermietung (10.000€ Kaution für einen Mietwagen hinterlegen? Nein danke.) fahren wir erstmal ohne Mietwagen (dafür mit einem Suburban als Taxi) zu unserem kleinen Haus in Downtown Cancun. 
Das Haus ist total süß mit einem kleinen Pool im Garten und sehr persönlicher Einrichtung. Es scheint, als würde die Vermieterin eigentlich die meiste Zeit selbst hier drin wohnen. Die Küche ist wunderbar ausgestattet, wir haben einen riesigen amerikanischen Kühlschrank, und außerdem zwei Sofas und einen Arbeitsplatz. 
Hier sind wir nun für die erste Woche. Wir wollen endlich mal ein bisschen Arbeit nachholen, und tageweise Kitesurfen gehen wenn ich wieder ganz fit bin. 
Unser Haus liegt in einer sympathischen Wohngegend mit vielen netten kleinen Restaurants (und einer riesigen Shopping Mall um die Ecke - die USA lassen grüßen). 
Am ersten Abend gönnen wir uns mal wieder eine Massage, die zwar in der Wohnung der Masseurin stattfindet, was mich erst skeptisch stimmt, dann aber aber unglaublich großartig ist. 

Ab morgen haben wir dann hoffentlich unseren Mietwagen und werden mal die Gegend erkunden gehen. Ich war 2012 schon mal hier, allerdings für Spring Break, was ehrlicherweise amerikanischem Sauftourismus entspricht. Daher erinnere ich mich vielleicht auch an nicht viel mehr als den Strand und das Hotel von damals, aber ich bin gespannt ob ich sonst noch was wiedererkenne bzw. wie die Stadt sich verändert hat. 

Und hier noch Bilder aus dem Dschungel von der Kamera!

10.-14. Januar 2021

Nach dem Frühstück fahren wir mit Heike und Florentino mit dem Boot eine knappe Stunde viele Windungen flussaufwärts, bis Florentino irgendwo im Nirgendwo anlegt. Hier beginnt ein viele Generationen alter Trampelpfad in die Jagdgründe. Wir wandern fast 3h durch den Dschungel, der Pfad ist meist für Außenstehende nicht einmal erkennbar. Florentinos Orientierung ist unheimlich gut, er kennt hier jeden Baum. Und wir sehen einen Toukan und nochmal eine ganze Affenbande! Ungefähr 10 Affen schwingen sich über uns wild von Baum zu Baum. 

Auf dem Rückweg versuchen Eugen, Heike und Florentino zu Angeln. Die Fische müssen sich gefreut haben, es war mehr eine Fischfütterung denn ein Fische fangen. Die Fische futtern nämlich eifrig immer wieder alle Köder ab, aber keiner beißt an. Irgendwann geben die drei auf. Ich als Nicht-Fischesser klopfe schlaue Sprüche und bin ganz froh, dass keine toten Fische neben mir im Boot liegen.

 

In den letzten Tagen ist noch so viel mehr passiert, und insbesondere von Heike haben wir so unglaublich viel über die Kultur der indigenen Bevölkerung, die Probleme im Amazonas, die Tierwelt usw. gelernt. Wir wollen uns aber noch ein bisschen was aufsparen, was wir euch nach unserer Rückkehr erzählen können.

 

Nur für uns ein paar Stichworte als Gedächtnisstütze: Gott des Windes und die Testicles, Anerkennung des Ancestral Land, Anacondas, Coka Plantagen als alternativer Arbeitgeber, das Uboot, smallworldfoundation, „the community“, Malokas, Schnittlauchwasser übern Kopf, Harpy Eagle

Am Sonntag Nachmittag habe ich leider etwas Fieber und Magenprobleme bekommen, auch daher der kurze Bericht. Das Programm am nächsten Tag (Agricultural Walk und Pottery Workshop) musste Eugen leider alleine machen. Er und Heike haben sich rührend um mich gekümmert. Wir hatten wahnsinniges Glück. Da die hier überall Fieber messen, wäre ich damit auf kein Boot/Bus/Flugzeug mehr gekommen. Wir haben uns schon in einer Dschungelklinik festhängen und unseren Flug verpassen sehen.

Am Ende war das Fieber am Abreisetag zum Glück aber gerade wieder unten und wir konnten nach Bogota fliegen.

Obwohl es mir hier schon wieder etwas besser ging, wollten wir aber doch abklären, dass es nichts Schlimmeres war (es war nur ein normaler Virus) und wollten gerade ins Krankenhaus fahren - da hat Eugen spontan was gedeichselt, dass eine Ärztin mich hier in unserem Hotel angucken kommt. Und die kam innerhalb von 2h, was ein Service! Eine total nette Frau mit einer lieben Assistentin. Die waren klasse, haben alles Mögliche abgecheckt, mir eine Spritze gegeben, und jetzt gehts mir schon viel besser.

Also ingesamt alles wirklich glimpflich und gut gelaufen! Die drei Tage, die wir jetzt in Bogota haben, nutze ich noch zum Auskurieren. Eugen arbeitet schon wieder fleißig. Also: Macht euch bitte keine Sorgen, alles wieder gut!

Wir haben auch noch tolle Bilder auf der guten Kamera, die kommen wieder irgendwann. :-)

09. Januar 2021: Affen und Nachtwanderung

Heike hat sich gestern schon verplappert, daher weiß ich, dass wir heute Affen suchen gehen! Erstmal gibts aber Frühstück: Spiegelei und Brot mit Butter und Marmelade, dazu ganz viel Obst. Nach dem Frühstück schmeißen wir uns in langärmelige Kleidung und Gummistiefel und machen uns mit Heike und Johan mit dem Boot auf den Weg nach Macagua. Das ist die Siedlung eines anderen Stammes ungefähr 40 Bootsminuten von hier. Dort treffen wir auf unsere lokale Guide-Frau, die uns etwa eine Stunde lang durch den Wald führt, bis wir beim Monkey Conservation Center ankommen. Da begrüßt uns neben zwei Affendamen (Helena und April) und einem Affenbaby auch ein netter Herr, der hier arbeitet. Seine Aufgabe ist hauptsächlich, von der Polizei aufgegriffene Haustier-Affen in die Natur zu reintegrieren. Die Affen, die wir hier sehen, sind aber alle frei. Sie kommen immer wieder hierher, weil sie hier Futter und Zuneigung bekommen, aber irgendwann gehen sie wieder ihres Weges. Die Affen sind supercool, verschmust wie kleine Hunde, nur deutlich schlauer. Man sollte seine Siebensachen gut im Blick behalten! Reißverschlüsse sind kein Problem. Wir spielen eine ganze Weile mit den Affen, die uns interessant finden, und erfahren einiges über die Naturschutz-Arbeit hier. Im Conservation Center leben gerade außerdem noch ein Night Monkey und zwei süße kleine schwarze Baby-Howlermonkeys. 

Es gibt wohl immer wieder Diskussionen mit anderen Affen-Stationen, die die Affen wieder eher wie Haustiere für die Touristen halten, anstatt sie auszuwildern. Tourismus ist hier echt Fluch und Segen zugleich – so kommt zwar Geld rein, aber falsche Erwartungen, man müsse unbedingt Wildtiere sehen oder sogar anfassen, führen eben zu solcher Praxis.

 

Wir wandern zurück und kehren zum Mittagessen bei einer netten Dame ein, die uns erst Suppe und dann Linsen, Reis, Salat, Bananenchips und Hühnchen bzw. Spiegelei serviert. Es gibt sogar Kuchen zum Nachtisch! Wir quatschen beim Mittagessen lange mit Heike über Förderprojekte und wie man den Leuten hier eigentlich wirklich helfen könnte, während der arme, nicht-englischsprachige Johan auf seinem Handy Tetris spielt. Heike sagt, viele Projekte gehen sehr an der Lebenswirklichkeit der Menschen hier vorbei – die Initiative müsse von Innen kommen, sprich nur wenn die Menschen sich selbst aktiv für ein Projekt bzw. eine Art eigenes Startup entscheiden, funktioniert es auch. Als Beispiel nennt sie einen Mann, der beschlossen hat einen Fischteich anzulegen. Sobald Ideen von außen kommen, steht niemand richtig dahinter und es versandet. Beispielsweise kam wohl mal jemand hier ins Dorf und fragte, wer Lust hätte Marmelade herzustellen und zu verkaufen. Ein paar Leute haben sich pflichtschuldigst gemeldet, aber die Marmelade hätte viel zu teuer verkauft werden müssen, um rentabel zu sein, sodass das wieder eingeschlafen ist. Heike findet Eugens Erfahrungen aus Südafrika sehr spannend. 

Auch Schulbildung ist ein Thema. Die Kinder werden zwar auf eine Art weiterführende Schule geschickt, aber Heike sagt, danach studieren gehen können sie nicht, und es gibt nicht wirklich eine große Auswahl an Berufsausbildungen, aber Fischer oder Bananenbauer wollen die Kinder danach halt auch nicht mehr werden. Deshalb sind viele sehr orientierungslos. 

 

Auf dem Weg mit dem Boot zurück nach San Martin winkt uns ein hilflos treibendes Motorboot zu, dessen Motor ausgefallen ist. Wir schleppen es mit viel Mühe ans Ufer – der Amazonas hat eine ordentliche Strömung, und unser kleines Boot nur einen 15PS-Außenbordmotor. Aber die Rettung ist dank Johans Manövrierkünsten trotzdem erfolgreich.

Dann fängt es aus heiterem Himmel an zu schütten wie aus Eimern, was aber auch irgendwie eine total schöne Stimmung erzeugt. 

 

Wieder zuhause klettern wir aus unseren schlammigen Gummistiefeln in die Dusche und haben den Rest des Nachmittags zur freien Verfügung, sprich: Schläfchen und Hörbuch in der Hängematte. Heike berichtet, dass kolumbianische Touristen eher so japanischen Tourismus betreiben, also immer nur eine Nacht an einer Station, alles total vollgepackt, „and when you tell them now it’s time to relax, they look at you like, what am I supposed to do now?!“. Das Problem haben wir nicht. :-) 

 

Nach dem Abendessen machen wir noch eine Nachtwanderung mit Heike und unserem Guide Florentino (der gleichzeitig der Police Chief des Dorfes ist). Das ist schon ganz schön spannend, so mit der Taschenlampe durch den Dschungel. Wir sehen vor allem allerhand Insektengetier. Eine handtellergroße Skorpionspinne (später stellt sich raus, dass ein männliches Exemplar davon jetzt in unserem Badezimmer wohnt. Ich nenne ihn Heinrich. Gruselige Mitbewohner sind mit Haustiernamen einfach besser zu ertragen. Heinrich sieht aus, als hätte man ihn einmal von oben plattgedrückt, ist dunkelbraun und sehr schnell. Aber sonst ganz nett.), Tausendfüßler, massiv große Heuschrecken, aber auch schöne Schmetterlinge. Außerdem eine fette, sehr giftige Kröte. Schlangen begegnen uns zum Glück keine. Auch die Geräuschkulisse ist spannend – es zirpt und knarrt und klopft und quakt und zwitschert überall. Immer wenn sich der Wald lichtet, offenbart sich ein atemberaubender Sternenhimmel. 

Unser Haus, drei Stockwerke :-)

Blick vom obersten ins zweite Stockwerk unsere Hauses. Alles von Heike und ihrem Mann gebaut!

Die Kinder des Dorfes springen unter lautem Geschrei vom Baum in den Fluss, vor allem wenn Touris vorbeifahren.

Eugen auf dem Weg zu den Affen

Die Abendsonne vor unserem Haus

In Macagua auf dem Weg zu den Affen

Eine Frau vom Nationalpark, Heike und Eugen in schicken Gummistiefeln

Helena, die Affendame

Baby Monkey!

Helena und April, beide 8 Jahre alt (und damit bald reif, allein in den Dschungel zu ziehen)

Kuschliges Äffchen. Also rechts.

Ein typisches (wenn auch eher stattliches) Haus im Dorf Macagua

Plötzlicher Regen und Boot aus einem einzigen Stamm

06. bis 08. Januar 2021: In the jungle, the mighty jungle

Aufregende Reisetage! Den Mittwoch verbringen wir mit diversen beruflichen Videocalls aus Cafés in Medellin und Videodreh. Wir brauchen nämlich einen kurzen Werbeclip für Youtube, in dem wir unseren Onlinekurs vorstellen. Ein paar Szenen nehmen wir in Laureles auf der Straße oder im Park auf, und für einige Takes mieten wir ganz spontan kurz einen Meetingraum in einem schicken Coworking-Space. Außerdem erledigen wir die letzten Besorgungen für den Dschungel. 
 Unseren Flug von Medellin über Bogota nach Leticia hat Avianca spontan auf zwei Tage aufgeteilt, daher fliegen wir abends nach Bogota und am nächsten Tag erst weiter. Eugen hat aber auch für die kurze Zwischenübernachtung ein nettes Hotel gefunden. Wir bestellen Wok-Gemüse beim hiesigen Lieferservice („Rappi“) und schauen unsere Serie, Narcos. 

 

Am nächsten Morgen geht der nächste Flieger weiter nach Leticia, Kolumbiens Tor zum Amazonas. Schaut euch das mal auf der Landkarte an, es sieht aus als hätte Kolumbien sich einen Zipfel von Peru oder Brasilien geklaut. Die drei Länder grenzen hier direkt aneinander.
Leticia ist so, wie man sich eine geschäftige Durchgangsstadt im Dschungel vorstellt. Nicht besonders schön, überall gibts nur Brathähnchen, und überall stehen gelangweilte junge Männer, die wahrscheinlich Touranbieter oder dergleichen sind, aber gerade null Kundschaft haben. 
Ich habe plötzlich wahnsinnige Rückenschmerzen auf dem Flug bekommen (man wird ja auch nicht jünger) und stiefele daher etwas wortkarg hinter Eugen drein durch Leticia, der sich in den Kopf gesetzt hat uns noch schnell riesige Überhosen für uns gegen die Mücken zu kaufen und außerdem noch essen zu gehen, obwohl unser Boot in 15min abfährt. So schnell habe ich (wurde mir...) noch nie eine Hose gekauft! Eugen setzt mich am Pier ab und holt uns beim Bäcker Verpflegung, dann gehts auch schon los. Wir fahren 3h mit dem Bus-Boot den Amazonas runter, bis wir in Puerto Narino ankommen. 

 

Ich dachte, Puerto Narino wäre wie Leticia in klein, aber weit gefehlt. Schon vom Boot aus sieht man leuchtend bunte Häuser, einen Spielplatz, einen schönen Anlegesteg und einen Aussichtssturm. Der Ort ist einfach richtig hübsch! Wie eine kleine Oase im Dschungel. Am auffälligsten sind die netten, rot gepflasterten Fußwege (es gibt hier keine Autos) mit Mülleimern alle 50m. An vielen Ecken stehen Steinstatuen von Tieren (Schildkröten, Vögel, sogar ein rosa Delfin – darüber später mehr), und alle Leute grüßen freundlich.
Wir stapfen mit all unserem Gepäck durchs Ortszentrum und den Berg rauf zu unserem Hostel. Auch das ist total süß, kleine Holzhäuser in einem Garten voller riesiger Pflanzen. Überall schwirren übergroße knallbunte Schmetterlinge.

 

Bei einem Dorfspaziergang entdecken wir eine „Eisdiele“ mit abgefahrenen Eissorten und netten InhaberInnen – man empfiehlt uns Mani (irgendeine Nuss) und noch irgendeine nie gehörte Frucht. Das Eis wird hergestellt wie bei uns früher – Saft in einen Becher und Stiel rein. Sehr lecker! Eugen fragt eine der Eisverkäuferinnen nach Tipps fürs Abendessen, und sie empfiehlt uns zwei Restaurants. Den Sonnenuntergang schauen wir vom Statuen-Spielplatz aus an, und wir sehen die ersten rosa Delfine! Es gibt hier nämlich zwei Sorten Fluss-Delfine: graue und rosafarbene. 
Auf der Suche nach den empfohlenen Restaurants bleiben wir bei einem der Straßenstände hängen, die plötzlich an jeder Ecke auftauchen: Jeder Stand wird von einer Familie betrieben, der Mann steht am fahrbaren Grill, die Frau hat Schüsseln mit Reis, Yucca und Saucen dabei. Wir beschließen, das doch mal zu testen. Eugen kriegt leckeren im Bananenblatt gegrillten Fisch mit Reis und Yucca, und ich bleibe bei Reis mit Yucca (obwohl mir ein Spieß mit ganzen Hühnerfüßen dran sehr angepriesen wurde). Da wird uns auch klar, dass die Eisverkäuferin wohl genau diese Straßenstände meinte mit ihren Empfehlungen – „richtige“ Restaurants gibts hier nämlich kaum. Nach dem Essen schlendern wir heim (wir sind übrigens weit und breit die einzige Touristen hier) und fallen erschöpft ins Bett. Nachts regnet es wie aus Kübeln, und gegen fünf weckt uns eine mehrstimmige, sehr energische Kirchenglocke.

 

Über den Plan der nächsten Tage weiß ich quasi gar nichts, ich hab nur den Flug nach Leticia gebucht, für alles Weitere hat Eugen sich mal wieder seinem Hobby hingegeben (coole Erfahrungen als Überraschung für Andere organisieren), und ich bin gespannt was mich erwartet.
Der Tag beginnt mit einem Frühstück aus Kaffee und Obst im Hostel, dann warten wir, bis Johan, unser 24jähriger Guide, uns abholt. Johan geleitet uns zu seinem Boot am Hafen, der Regen hat zum Glück gerade aufgehört, und fährt mit uns einen Seitenarm des Amazonas entlang bis zu einem See. Schon die Fahrt dahin ist eine Reise in eine andere Welt. Die Vegetation am Ufer ist so vielfältig, alles ist unglaublich grün und lebendig. Allerhand Vögel flattern überall rum, Fische springen, und manchmal sogar Delfine. Unterwegs sehen wir hoch oben in einem Baum am Ufer ein Faultier (Perezoso – eines der wenigen spanischen Wörter, die ich mir richtig gut merken kann, weil ich selbst manchmal ein Faultier im Herzen bin). 
Auch der See ist beeindruckend. An der Mündung gibt es ein schwimmendes Kontrollhäuschen – bestimmte Fische dürfen hier nämlich nicht gefischt werden (und zwar ein 3m langes Seemonster, das man wohl auch nicht so gut in seinem Fischerboot verstecken kann). Generell wird viel für die Erhaltung bedrohter Arten getan, dazu später mehr. 
Johan erklärt uns, was hier so alles kreucht, fleucht und schwimmt: Manatees (Seekühe), Piranhas (angeblich für Menschen nicht gefährlich, es sei denn man blutet irgendwo), besagter Riesenfisch, und noch ganz viel mehr. Wir sehen auch wieder beide Delfinarten. Eugen ist mutig und nimmt die Einladung unseres Guides an, doch kurz schwimmen zu gehen (keine Sorge, das machen hier alle, ist wirklich ungefährlich). Höchst couragiert springt er vom Boot, klettert aber doch auch schnell wieder rein. :-)
Ich bin feige, nachdem Johan uns eine überlieferte Geschichte erzählt hat, derzufolge sich manchmal große fremde Männer in rosa Delfine verwandeln und kleine Mädchen klauen.

 

Übrigens spricht Johan kein Wort Englisch, aber sein Spanisch ist zum Glück so klar, dass ich überraschenderweise dank Französisch, Englisch und Latein fast alles verstehen oder zumindest erraten kann, ohne jemals Spanisch gelernt zu haben. Mein passiver Wortschatz wird immer besser, nur das mit dem Sprechen hapert noch sehr. Ich übe. 

 

Wir fahren zurück nach Puerto Narino und steigen auf den Aussichtsturm (der Eingang ist der Schlund eines Tigers, ein bisschen wie im Vergnügungspark – hier hat sich wirklich jemand überlegt, wie man das Dorf schön und Touri-freundlich macht). Da sieht man erstmal, wie groß das Dorf ist. Hier leben 4000 Menschen, im „Großraum“ sogar 8000. Es wirkt eher wie eine kleine Siedlung, in der Jeder Jeden kennt. 
Am Fuße des Aussichtsturms kauft Johan uns nochmal Eis, diesmal Araza (schmeckt wie Orange und Vanille, nur besser) und Cocoazu (sieht aus wie eine Mischung aus Kokosnuss und Kakaobohne, schmeckt aber wie nichts was wir jemals geschmeckt haben. Aber lecker.).
Anschließend gehts zum Museum. Dort bekommen wir eine wirklich süße (natürlich spanische) Führung von einem sehr stolzen Museumsguide. Er erzählt uns, dass hier viel für den Naturschutz getan wird, und erklärt uns allerhand Getier anhand von liebevoll aus Holz geschnitzten, lebensgroßen Modellen. Sie haben Delfine, ein 4m langes Krokodil, sogar ein Manatee. Es gibt am Amazonas zwei Jahreszeiten: Quasi Flut und Ebbe, die entsprechend der Regen- und Trockenzeit wechseln. Gerade sind wir kurz vor Flut. Die Schwankung vom Tiefst- zum Höchststand beträgt 15m! Daher gibt es überall mehrere Bootsanleger, alle Häuser sind auf Stegen etc. Die Führung schließt ab mit einer Hütte, die komplett abgedunkelt ist. Wir werden gebeten, uns im Dunkeln zu setzen, und der Guide erzählt uns einen überlieferten Mythos von Kasimir dem Fischer, während er mit einer Taschenlampe passende, wieder aus Holz geschnitzte Gegenstände anleuchtet. Wir verstehen nicht viel von der Geschichte, aber Kasimir ist wohl nachts Fischen gegangen und hat eine Schildkröte und ganze viele andere Tiere getroffen. Und er hat den Mond gesehen. Der Rest blieb unklar. Jedenfalls ist das Museum sehr goldig.

 

Zum Mittagessen führt Johan uns ins Pub des Dorfes, wo Rammstein läuft und der Inhaber Englisch spricht. Der brät uns leckere Burger, vegetarisch und fleischig. Dann holen wir unsere großen Rucksäcke, schleppen sie zum Hafen und werden mit dem Boot (das noch schnell mit allerhand Obst und Gemüse uns sonstigen Säcken vollgeladen wird, und übrigens aus einem einzigen Baumstamm nahtlos gehauen ist, wahnsinn) in unser neues Zuhause für die nächsten paar Tage gefahren: San Martin. 

 

San Martin ist ein kleines Dorf (150 Familien – Einwohner werden hier nicht gezählt) an einem weiteren Seitenarm des Amazonas. Sehr gespannt schleppe ich meinen Rucksack den Berg hoch und bin überglücklich, als ich unser Haus sehe: Wir haben ein eigenes, dreistöckiges Holzhüttchen bei einer netten Gastgeberin names Heike. Heike ist vor 16 Jahren aus Holland hier hängengeblieben, als sie im Rahmen ihrer Doktorarbeit in Biologie die Blattschneide-Ameise erforscht hat. Sie macht uns gleich Kaffee und Obst, versorgt uns mit Gummistiefeln und erzählt, wie sie mit ihrem Partner José über die Zeit diese Lodge aufgebaut hat. Erst hatten sie jahrelang nur eine kleine Hütte ohne Dusche und Toilette (erledigt man beides im Fluss), irgendwann haben sie angebaut, dann auch mit kleinem Gästezimmer für Freunde und Familie. Das Gästezimmer hat sich rumgesprochen, sodass irgendwann immer mehr Fremde bei ihnen übernachtet haben, bis sie auf die Idee kamen, dafür Geld zu verlangen. So war das „Hotel“ geboren. Heike hat auch entdeckt, dass sie lieber hier rumspringt und an ihren Holzhäuschen rumwerkelt, als biologisch zu forschen. Unsere Hütte ist jedenfalls klasse geworden. 
 Vor dem Dunkelwerden nimmt Johan uns noch mit auf einen „Community Walk“, sprich er zeigt uns das Dorf. Ich verliebe mich in einen winzigen schwarzen Hundewelpen. Hunde rennen hier überall rum, und wenn man einen haben will, dann nimmt man ihn mit und gibt ihm einen Namen. 
Das Dorf bezieht Strom über einen Dieselgenerator auf dem Berg. Daneben befindet sich auch eine große Solaranlage, die traurigerweise aufgrund von Verhandlungskonflikten mit der Dieselstromfirma nie genutzt werden konnte. Das Stromnetz hier gehört nämlich dieser Firma, und die weigert sich, den Solarstrom zu verteilen. Scheinbar geht das hier noch zwei weiteren Dörfern so, echt traurig. 
Ansonsten ist das Dorf total nett, es gibt eine Schule mit Fußballplatz, einen Kindergarten, eine Versammungshütte und eine Kirche. Johan erklärt uns auch allerhand Heilpflanzen. Die können hier alles heilen, selbst für gebärende Frauen gibt es ein Kraut, dessen Tee alles wieder gut macht. Kinder werden wenn möglich zuhause geboren, nur bei Komplikationen wird nach Porto Narino oder Leticia ins Krankenhaus gefahren. 

 

Wir sind die einzigen Touristen im Dorf, und Heike hat uns schon vorgewarnt, dass wir vereinzelt eventuell auf Ablehnung stoßen könnten. Lange wurden hier gar keine Touristen reingelassen, aus Angst vor Corona. Inzwischen gab es scheinbar einen Gemeinschafts-Entscheid, wieder Touris aufzunehmen, aber einzelne ältere Dorfbewohner beäugen uns dennoch etwas kritisch. Die meisten grüßen aber freundlich. 
Es ist richtig heiß und schwül, und wir freuen uns nach dem Spaziergang über eine kalte Dusche. 
Das Abendessen bei Heike besteht aus Reis, Linsen, Yucca-Pommes (lecker!) und Salat, und für Eugen Catfish. Zum Nachtisch gibts frisches Obst, Banane und Papaya. Herrlich!

Hier erst einmal Bilder aus Puerto Narino.

02. bis 05. Januar 2021

Auch der zweite Lockdown-Tag ist unspektakulär, ich sneake wieder raus für einen kleinen Spaziergang, ansonsten lesen, Netflix und Reiseplanung. Abends bringt uns der Lieferservice des Tikitaka-Restaurants (der Name hätte uns schon alarmieren sollen...) eine halbgare Lasagne aus Nudeln, Fleisch und Käse, ohne Tomatensauce, die Eugen munter verputzt, die ich aber nach drei Bissen nicht weiter essen kann. Ab da geht's bergab mit mir, Bauchkrämpfe und am nächsten Tag auch etwas Fieber, pünktlich zum Ende des Lockdowns. Als es wieder einigermaßen geht machen wir uns mit einem geliehenen Roller auf nach San Rafael. Das ist ein sehr ursprüngliches, deutlich tiefer liegendes (San Rafael 1000m, Guatape 1900m ü. NN.) Bergdorf an einem Fluss, in dem man baden kann. Ich hänge ziemlich in den Seilen, daher lassen wir das Baden bleiben und gehen dort nur Mittag essen. Es gibt mal wieder das übliche: Man darf aussuchen zwischen Hühnchen, Schwein, Rind, Bacon (Chicharron) und Fisch, dazu gibts Reis, Pommes, Platanenpfannkuchen frittiert, und Salat. Keine Sauce. Das ist das Standardgericht hier, das wir ehrlicherweise langsam nicht mehr sehen können. 
Aber der Weg ist definitiv das Ziel - die 27km lange Strecke von Guatape nach San Rafael ist richtig toll, eine Kurvenstraße durch die Berge mit atemberaubender Aussicht hinter jeder Kurve. 
Auf dem Rückweg ist Eugen wieder hungrig und lässt sich von einem Restaurant am Weg "Irgendwas zum Mitnehmen" machen. Er kriegt ne Milch. Also wirklich eine Schüssel mit Milch, die sich als Maismilch entpuppt, mit einer Art Cornflakes drin (siehe entsprechend genussvollen Blick auf dem zweiten Foto). Hmmm!

Abends gelingt uns dafür mal wieder eine kulinarische Entdeckung: Das "Amazonas", was sich als der Garten einer netten Kolumbianerin namens Adriana entpuppt, die in ihrer eigenen Küche für Gäste kocht und einen Pavillon in ihrem Garten aufgestellt hat, weil sie sich die Restaurantmiete im Ort nicht leisten kann. Es gibt zum Beispiel selbstgemachte Kürbis-Platanen-Gnocchi mit Auberginensauce mit Kürbis aus dem eigenen Garten. Adriana ist sehr spirituell, gibt Gesundheitstipps, alles riecht nach Räucherstäbchen, und sie hat einen lustigen Kater, der gerne mit uns abhängt. 

Für unseren letzten Tag in Guatape haben wir uns den Endgegner aufgehoben: El Penol, der riesige Felsbrocken, der hier etwas willkürlich in der Landschaft liegt. 
Erstmal müssen wir aber feststellen, dass auch das typische Frühstück uns langsam auf den Keks geht: Ungewürztes Rührei mit Arepa (nach nichts schmeckendem Maisteigfladen) und eine Scheibe Ziegenkäse, der dafür umso versalzener ist. Die einzige Alternative ist frittierter Teig in allen Variationen: frittierter Teig mit Käse drin, frittierter Teig der Käse umhüllt, frittiert Teig in Zucker gewälzt, usw. 

Nach einem dementsprechend notwendigen Verdauungs-Päuschen und Spaziergang (an jedem Haus in Guatape sind wunderschöne Reliefe dran, siehe Fotos) bringt uns ein Tuktuk zum Felsen, und wir starten den Aufstieg: 723 Stufen! Man muss sich seine schöne Aussicht ja auch verdienen. Die ist dafür wirklich spektakulär (wenn man ein Plätzchen am Rande der Absperrung ganz oben ergattern konnte - wir sind nicht alleine hier).
Die Landschaft hier ist grandios. Guatape liegt an einem Stausee, der in den 60ern zur Stromgewinnung erzeugt wurde. Dadurch ist eine wahnsinnig weit verzweigte Seenlandschaft entstanden. Allerdings ist das Wetter etwas merkwürdig, Guatape hat quasi zwei Jahreszeiten: Sonne (dann sofort gefühlt 40° und man verglüht) und Schatten (und man sehnt sich nach einem Schneeanzug). 
Zum Mittagessen hat Eugen ein veganes Restaurant aufgetan, was echt eine gute Abwechslung ist (und das will was heißen). Den Nachmittag hänge ich immer noch etwas schlapp im Bett. Abends gehen wir wieder zu Adriana und teilen uns den Pavillon mit einer Gruppe Deutscher, die alle irgendwann zwischen 2005 und 2017 nach Kolumbien ausgewandert sind. Ein lustiger bodenständiger Stuttgarter hat einen Motorradverleih in Guatape und war wegen Covid den Sommer über in Deutschland und hat einen Kindergarten gebaut. Er ist ganz verwundert über unser Modell, was "im Internet" zu machen. Aber wir sind uns einig darüber, dass das Modell, dem deutschen Winter hier zu entfliehen, ein Gutes ist. 

Am nächsten Tag setzen wir uns (nach dem üblichen Frühstück für Eugen und Bauchweh für mich...) in den Bus nach Medellin. Wir haben für eine Nacht wieder ein Hotel in unserem Lieblingsviertel in Laureles, bevor es morgen für eine Nacht nach Bogota geht, und dann weiter in den Dschungel (ging nicht anders, thanks Avianca...). Jetzt müssen wir endlich mal wieder einiges an Arbeit aufholen, uns um unsere Stipendienverträge kümmern und so. Ich esse den ganzen Tag nur Brot und Cracker und schaue abends sogar Eugen beim Burgeressen zu, aber dafür gehts mir inzwischen deutlich besser.

Unser Hotel ("Bolivariana Plaza", sehr hochtrabend) hat den Charme eines amerikanischen Motels, das einzige Fenster geht zum Gang. Aber es ist sauber und günstig und reicht für eine Nacht. Wir freuen uns auf den Dschungel!

30. Dezember 2020 bis 01. Januar 2021: Medellin nach Guatape

Immer wieder verschoben, aber wir schaffen es doch noch: Heute steht die Free Walking Tour an. Falls ihr das Konzept nicht kennt: In allen großen Städten der Welt gibt es mittlerweile solche Stadtführungen auf Spendenbasis, oft von einheimischen Studenten. Wir treffen unseren Guide in Downtown und bekommen erstmal einiges über die bewegte Geschichte Kolumbiens erzählt. Er schildert eindrucksvoll, dass seine erste bewusste Erinnerung eine Schießerei vor seinem Elternhaus ist, und was es für ihn persönlich bedeutet, wie Kolumbien mit seiner Drogenvergangenheit umgeht und sich weiterentwickelt. Er sagt, die ab den 1990ern Geborenen seien die einzigen Kolumbianer, die Pablo Escobar manchmal verherrlichen, weil sie eben den Schrecken nicht mitbekommen haben. Manche Leute idealisieren ihn als Helden, als Kämpfer der Armen, der Geld an die Benachteiligten verteilte. Das Land kämpft aber absolut immer noch sehr mit Korruption und Drogenschmuggel. Wir laufen durch eine Fußgängerzone, in der zahllose kleine Händler gefälschte Markenklamotten und allerhand Krimskrams verkaufen – Geldwäsche für die Drogenbosse.
Aber auch im Positiven haben einige Kolumbianer über ihre Landesgrenzen hinaus Bekanntheit erlangt, zum Beispiel der Künstler Fernando Botero, ein Maler und Bildhauer. Die Stadtführung führt uns auch an einen Platz, auf dem zahlreiche von Boteros disproportionierten Statuen stehen (alles, was er malt oder baut, sieht dick und oft ziemlich lustig aus). Auf einem der Bilder seht ihr eine solche Statue. Dahinter ist ein kirchenähnliches Gebäude zu sehen, was Kolumbiens Regierung bei einem belgischen Architekten in Auftrag gegeben hat. Mit dem haben sie sich dann zerstritten, er ist erbost nach Belgien zurückgereist, und Medellin hatte ein halbfertiges gotisches Gebäude. Der Versuch, den Bau auf eigene Faust zu vervollständigen, führte dazu dass die Rückseite nun eine platte graue Wand mit viereckigen Fenstern ist, im Gegensatz zu den prachtvollen gotischen Fenstern im Rest des Gebäudes. Pfusch!

 

Mittags trifft Eugen eine Medelliner Grafikdesignerin, mit der er virtuell arbeitet, mal persönlich. Den Nachmittag verbringen wir im Viertel El Poblado mit Videoshoots für unseren Onlinekurs. Ich laufe also hübsche Gehwege entlang und sage Sätze über Soziale Angst auf, während Eugen rückwärts laufend filmt, während uns dauernd hupende Autos den Ton versauen. Nicht ganz einfach hier. 

 

Am nächsten Morgen heißt es Abschied nehmen vom Hotel. Eugen verabschiedet sich herzlichst vom Omelette-Mann beim Frühstücksbuffet. Zwei Stunden Busfahrt mit schönem Ausblick später kommen wir in Guatape an, was unser Zuhause für die nächsten vier Tage sein wird. Guatape ist ein wunderschönes Bergdorf in einer Gegend, die man als das kolumbianische Äquivalent der Mecklenburgischen Seenplatte bezeichnen könnte. Wir haben ein sehr kompaktes Airbnb-Zimmer, weil wir dachten, wir seien eh die meiste Zeit draußen auf Tour – aber hier wurde spontan wieder ein Lockdown angeordnet, und ab Silvester 20 Uhr bis zum Morgen des 3. Januar darf keiner auf die Straße. Unser Host bemüht sich sehr, es uns trotzdem gemütlich zu machen. Er stellt uns eine Bank in den 3qm großen Vorgarten und versorgt uns mit Infos über Restaurants mit Lieferservice. 


Wir gehen also zuallererst mal einkaufen, damit wir zumindest unser Frühstück selber machen können (eine Küche haben wir leider nicht). Dann erkunden wir Guatape. Unglaublich farbenfrohe Gemälde überall an den Häusern, eine nette Kirche mit einem wie immer überbordend weihnachtlich dekorierten Vorplatz, hübsche kleine Gässchen und Seeblick. Wirklich schön. 
Als wir so am See entlang schlendern kommen wir an einem Jetski-Verleih vorbei. Der See sieht schon ziemlich verlockend aus, und man weiß ja, dass die Dinger unfassbar nervig sind – außer man sitzt selbst darauf... Also los gehts, 30min lang dürfen wir mit so einem Deppmobil über den See fahren. Die Landschaft ist so großartig, die paar wenigen Boote machen kleine Wellen, über die das Jetski springt – wir haben großen Spaß. Es ist jetzt kurz vor Silvester in Deutschland, und wir machen uns anschließend auf zu einem Mexikaner zum Abendessen, bevor der Lockdown greift. Die Burritos sind so fleischlastig, dass selbst Eugen sie kaum essen kann, sodass ich auf dem Heimweg zum Nachtisch noch ein „Bunuelo“ bekomme: Einen frittierten Teigball mit Käse drin. Eine der vielen köstlichen frittierten Spezialitäten hier. 

 

Unser Gastgeber hat uns zu einer kleinen Silvesterparty in einem befreundeten Hostel ein paar Meter die Straße runter eingeladen, und wir beschließen nicht ganz Lockdown-konform doch zumindest mal vorbeizuschauen, auch wenn wir eh um 22 Uhr müde werden. Da quatschen wir eine Weile mit einem netten britischen Pärchen und ein paar kolumbianischen Touristen, unter anderem Davide, einem 22Jährigen Bogotaner, dessen größter Traum ist, nächstes Jahr als Au Pair nach Deutschland zu kommen. Er hat sich selbst schon ziemlich gut Deutsch beigebracht und ist eine herzensgute Seele. Das Geld fürs Studium verdient er sich als „Teacher and Nurse“. Bezeichnenderweise erzählt er, dass er im Kreißsaal als Helfer eingesetzt wurde, und somit die erste nackte Frau, die er jemals (!) sah, eine Gebärende war. Könnte noch etwas Therapiebedarf nach sich ziehen, die Geschichte.
Wie geahnt verabschieden wir uns gegen 10, stellen aber schnell fest, dass an Schlaf nicht zu denken ist, weil all unsere Nachbarn laute Musik laufen haben. Lockdown hält hier niemanden vom Feiern ab. Und so erleben wir Mitternacht doch noch, sind aber nicht mal motiviert unsere Flasche Rotwein aufzumachen, sondern quatschen nur noch ein bisschen und schlafen dann.

 

2021 beginnt damit total ausgeschlafen und unverkatert, auch mal schön. Wir haben Obst und Müsli, müssen aber leider feststellen, dass das Müsli krabbelt. Aber: Glücklicherweise hat einer der Supermärkte im Ort einen Roller-Lieferservice, der uns per Whatsapp-Bestellung eine neue Packung Müsli bringt. Den Tag verbringen wir mit Netflix und Reiseplanung. Mittags kriegen wir sogar Pizza geliefert. Ich mache noch einen von unserem Gastgeber empfohlenen kleinen Spaziergang zu einem Aussichtspunkt auf dem Berg hinter dem Haus. Eugen ist ja unglaublich gut darin, einsiedlerisch tagelang zufrieden drinnen zu sein, aber ich brauche doch irgendwann Tageslicht und Bewegung. Zum Glück kassiert mich die Polizei nicht ein. Überhaupt ist dieser Lockdown entspannter als gedacht. Kinder spielen auf den Straßen, und Leute gehen spazieren. Es scheint eher drum zu gehen, große Familienzusammenkünfte zu verhindern.

 

Zum Monatsende machen wir auch immer einen kurzen Finanzcheck und schauen, was wir so ausgeben. Wegen des Kitesurfing-Unterrichts sind wir gerade etwas über Budget, aber alles in allem kommen wir gut hin. Unser Untermieter schreibt ab und an nette Nachrichten aus Berlin und scheint sehr happy mit unserer Wohnung zu sein. 

Neujahrsvorsätze setze ich mir keine. Nachdem ich mir letztes Silvester vorgenommen hatte, auch mal Nein zu sagen und nicht immer auf jeder Party tanzen zu müssen, und plötzlich das ganze Jahr alle Parties auf der ganzen Welt ausfielen, lasse ich das nun lieber bleiben.

Während ich das hier schreibe, steckt neben mir ein winziger Kolibri seinen Schnabel in rote und gelbe Blümchen, und neben mir auf der Bank sitzt ein netter grüner Grashüpfer und schaut mich interessiert an. 

Euch allen einen guten Start ins neue Jahr!

26.-29. Dezember 2020

Auch hier ist die Zeit zwischen den Jahren irgendwie ein entspanntes Niemandsland. Wir genießen immer noch unser schickes Hotel, liegen am Pool (selten), arbeiten (öfter) oder tun auch einfach mal gar nix (sehr oft). 

Zwei schöne Ausflüge haben wir aber gemacht, und zwar in den botanischen Garten und die Comuna 13, ein Stadtviertel mit besonderer Geschichte. 
Der botanische Garten ist richtig nett, man fühlt sich wie im Dschungel und kann die Großstadt außenrum fast (bis auf gelegentliches Gehupe) vergessen. Und es gab Riesenwarane (ähnlich wie die, die wir auf Curacao im Garten hatten) und Landschildkröten! Danach waren wir in einem kleinen, nur von Einheimischen besuchten Restaurant essen. Mit dem "Menu del Dia" (= Tagesessen) fährt man eigentlich immer gut, und die Kellnerin meinte es gäbe Chicken Soup. Überraschenderweise kam aber nach der Soup noch das Chicken und wir hatten viel zu viel zu essen (siehe Foto) - alles für etwa 3,50€ pro Nase. Und auch ganz lecker! Dazu wurde uns Tomatensaft versprochen - der war gelb und süß, sodass wir fragen, ob die Kellnerin sich vielleicht vertan und Mangosaft gebracht hat. Nein, meinte sie, das seien süße gelbe Baumtomaten. Was es nicht alles gibt.

Die Comuna 13 war mal eines der gefährlichsten Viertel Medellins, als hier der Drogenkrieg tobte. Anfang der 90er gab es hier mehr als einen Mord am Tag (!). Umso schöner ist es zu sehen, wie sehr sich die Lage hier gewandelt hat. Heute ist die Comuna 13 ein richtig schönes Wohnviertel am Hang mit ganz viel bunter Streetart, bunten Häusern und freundlichen Einwohnern. Man kann einfach durchspazieren. Viele der Jugendliche dort leben vom Tourismus und lernen Englisch extra um dann als Guide in ihrem eigenen Viertel arbeiten zu können. 
Ein Meilenstein in der Geschichte der Comuna 13 war der Bau von Rolltreppen. Das Viertel ist so extrem steil, dass früher alles nur über winzig kleine Treppchen zu erreichen war. Die Stadt hat dann eine Reihe von kleinen Rolltreppen hintereinander installiert, was das Ganze viel zugänglicher macht und sofort zu einem Rückgang der Kriminalität geführt hat. Es ist schön zu sehen, welche Fortschritte das Land macht (auch wenn Korruption immer noch ein riesen Problem ist). Kolumbiens Ruf in der Welt ist ja leider noch sehr geprägt von Pablo Escobar und Kokain, aber das wird dem Land nun wirklich nicht gerecht.

Unsere weitere Planung: Morgen machen wir eine Stadtführung, Donnerstag fahren wir nach Guatape, und am 5.1. kommen wir wieder nach Medellin, nur um am 6.1. dann weiterzureisen nach Leticia, eine Stadt am Amazonas, grenzend an Peru und Brasilien.

Hinter den Bildern vom Botanischen Garten und der Comuna 13 gibts noch nachträglich exklusive Auszüge eines Pärchen-Fotoshootings auf der Finca, zu dem wir einen armen Angestellten dort genötigt haben. :-)